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Dienstag, Mai 30, 2017
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Das neue Vermarktungsmagazin für Unternehmen, die mehr wollen

SMARTSELL MAGAZIN

LIEBE LESERIN UND LIEBE LESER,

Für eine lange Renaissance

Man sagt, die digitale Revolution läute den Beginn einer neuen Epoche ein. Das kann schon sein. Aber ich hoffe es nicht, denn ich lebe in der Renaissance, und es gefällt mir hier.

Jede Generation wird mit mindestens einer grösseren Umwälzung konfrontiert, weshalb die Alten seit Urzeiten regelmässig erklären, dass sie die Jungen nicht verstehen, und umgekehrt. So ist es den Analphabeten zu Zeiten Gutenbergs ergangen, die sich über das viele unnötige Lesen ärgerten, das immer mehr um sich griff. Sie sahen Geschichte an der Arbeit, sie waren Zeugen einer gigantischen Revolution, aber sie konnten sie nicht einordnen. Denn zu Zeiten Gutenbergs sah Europa noch aus wie vor Gutenberg. Die Aufklärung war noch in weiter Ferne. Während Gutenberg die Druckerpresse erfand, wurde draussen auf den Dorfplätzen auf monströseste Weisen gefoltert, geschlachtet, wurden Andersgläubige enteignet und vertrieben. Es gab Hungersnöte, Epidemien und das Ende des hundertjährigen Krieges war noch immer nicht in Sicht. „Wir erleben gerade einen historischen Moment“, sagte deshalb Gutenberg im Jahre 1450, nachdem er den modernen Buchdruck erfunden hatte – nicht. Und doch hat er mehr Geschichte geschrieben, als die meisten Menschen im zweiten Jahrtausend. Seine Erfindung hat seither das Schicksal Europas und der ganzen Welt bestimmt. Aus der mittelalterlichen Welt, in der sich im Wesentlichen alles geistige Leben um ein paar wenige Bücher und Dogmen im Kreise einer kleinen Elite drehte, wurde eine Welt von sich konkurrierenden Ideen zwischen breiten Bevölkerungsschichten. Die Neuentdeckung der Antiken Kultur, der Wiederbesinnung auf die Freiheit der Wissenschaft, Philosophie und Kunst hat dank Gutenberg aus einem elitären Trend eine unaufhaltsame geistige Bewegung der Massen gemacht. Philosophische Konzepte bestimmen seither nicht nur unbewusst oder per Diktat unser Dasein, sondern, wie in der Antike, wieder als diskutable Modelle. Seit Gutenberg ist Renaissance. Und sie ist seither nicht unterzukriegen.

Skeptiker wenden an dieser Stelle ein, dass das Morden, die Ungerechtigkeiten und das Leid weiter existiert, und das stimmt. Menschen können im Verlauf ihrer Leben die Ideen revidieren, nach denen sie zu handeln versuchen. Sie tun dies aber sehr ungern, und entsprechend selten. Dies hat zur Folge, dass philosophische Konzepte historisch gesehen eine grosse Trägheit haben. Erreichen sie einmal einen kritischen Punkt der Popularität, reissen sie oft nicht nur ein, zwei Generationen in ihren Bann, sondern gleich ganze Epochen und bestimmen so das Schicksal von Völkern und Kontinenten.  So lebt auch der mittelalterliche Geist, der Aberglaube, die hypokritische Lüge, die machiavellische Manipulation und der verbohrte Dogmatismus noch heute munter daher, als gäbe es Aristoteles, die Ideen der Aufklärung, die Erkenntnisse Darwins, Newtons, Einsteins, der Quantenphysiker, der AI-Entwickler und der Gentechniker von 2017 nicht. Die nach Nutzerinteressen gefilterten Echo-Kammern von facebook, Google und Co führen dazu, dass viele in ihren eigenen, unhinterfragten Filterblasen vor sich hin dümpeln. Porno und gewaltverherrlichende Computerspiele sind zu Grossindustrien geworden, das darknet hat dem Verbrechen Tür und Tor geöffnet. Das Netz steht auch abgeschotteten Parallelgesellschaften zu Diensten in denen Bullying, Entmündigungsstrategien, mafia-ähnliche Strukturen und Terror blühen, Strömungen die versuchen die Welt bisweilen ähnlich verzweifelt ausschauen zu lassen wie zu Gutenbergs Zeiten.

Aber all das kommt gegen die positiven Effekte der Digitalisierung nicht an, genauso wie die reaktionären Kräfte letztlich Gutenbergs Erfindung seit 550 Jahren nicht aus der Welt schaffen konnten. Seit zehn Jahren ist über die Hälfte aller menschengemachten Information weltweit auf Millionen von Servern und PCs gespeichert. Wer ein smartphone besitzt, hat heute gleichzeitig die grösste Bibliothek der Welt zur Verfügung, wo auch immer er sich befindet. Er hat die Möglichkeit sich zu bilden, Sprachen zu lernen, sich mit neuem Wissen und neuesten Nachrichten zu konfrontieren, Leute aus allen Ecken der Welt kennen zu lernen und sich in fremder Umgebung zu orientieren. Neue internetbasierte Dienstleister lassen Kunden und Anbieter zu einer Gemeinschaft werden, führen zu marktgerechten Preisen. KMU’s lassen alte, auf staatlicher Lenkung basierende Monopole links liegen. Seit der Jahrtausendwende nimmt der von Internetusern kreierte Inhalt im Netz exponentiell zu, ersetzt Verleger, Verkäufer, Journalisten, Unis und Lehrer, Geschäfte, Werber, alte Parteien, grosse Teile der Unterhaltungsindustrie und führt im Zuge der Globalisierung der Information auch zunehmend zu einer Atomisierung der Wirtschaftseinheiten auf allen Gebieten. Wer nicht auf Augenhöhe mit seinen Kollegen und Kunden kommuniziert, ist aussen vor. Denn Digitalisierung fordert durch ihre Transparenz, den freien, unmittelbaren Fluss aller Information von allen, die mit dieser technologischen Revolution mithalten wollen etwas überraschend untechnologisches: Wahrheit, Ehrlichkeit, Takt, Engagement, Urteilskraft, Kreativität, Nachhaltigkeit und menschliches Mass, Ratio – kurz Ethik.

Man könnte behaupten, dass wieder eine neue Epoche angebrochen ist. Schliesslich verstehen die Alten schon wieder nicht was die Jungen meinen und umgekehrt. Geschichte wird oft als Aneinanderreihung mutierender Kulturen, als kleinteilige, komplexe Überlagerung gegensätzlicher, kontrastierender Kräfte betrachtet. Wir können retrospektiv kleine und grössere Schlüsselmomente der Umwälzung bestimmen, in denen eine dominierende Macht von einer anderen abgelöst wurde. Die Geschichte der Menschheit kann in eine schwindelerregende Zahl historischer Abschnitte aufgedröselt werden – aber wirklich erhellend wird es erst, wenn wir die dominierenden Ideen zu identifizieren suchen. Die sind träger und zäher als jedes Fürstchen, sie diktieren dem Diktator und erobern jeden Eroberer um sie um Jahrtausende zu überdauern. Und so können wir erkennen, dass wir ideel noch immer in der Renaissance leben, und sie gerade ein heftiges Update erfährt. Die Menschheit macht den nächsten grossen Schritt in Richtung Aufklärung und Freiheit, den grössten seit Gutenberg.

Das gefällt vielen nicht. Und die Gefahr besteht, dass im nonlinearen, freien Markt der Ideen die reaktionären Kräfte für einen Moment die Oberhand gewinnen könnten. Ein kurzer Moment würde ihnen reichen, um der Freiheit den Hals abzuschnüren und das Internet zu einer übermächtigen Waffe in totalitären Händen zu machen. Diese Kalamität hätte epische Proportionen. Es ist wahrscheinlich die grösste Gefahr, der wir im Moment ausgesetzt sind. Weil ein Grossteil der Information im Netz mit IP Adressen verknüpft ist, wird nicht nur Geschichte geschrieben und gespeichert, sie wird mit Suchprogrammen durchforstet, Individuen zugeordnet, gezielt untersucht und kann ebenso gezielt auch missbraucht werden.

Noch nie war die Freiheit der Kommunikation grösser als heute, und entsprechend war es noch nie so wichtig, sie zu schützen. Wir sollten den vier Epochen Urzeit, Antike, Mittelalter und Renaissance keine fünfte hinzufügen. Die Urzeit dauerte ungefähr 2.5 Millionen Jahre. Die Renaissance kann das auch.

Herzlichst Ihr

unterschrift

Beat Ambord

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